Kommentar zum Artikel „Macron kündigt französisch-britische Mission in der Ukraine an“ (aus: „Rheinische Post“ vom 27.03.2025)
„Mit einer geballten Faust kann man keinen Händedruck wechseln“, so meinte es zumindest Indira Gandhi. Und doch scheint sie mit dieser Weisheit in Europa momentan wenig Gehör zu finden. Frankreich und Großbritannien haben sich darauf geeinigt, eine Mission in die Ukraine zu schicken. Dem offiziellen Tenor nach geht es allein darum, den dortigen Streitkräften Rückversicherung zu bieten. Man bereite sich auf noch härtere Angriffe Russlands bevor, weshalb man unter anderem dabei unterstützen wolle, vor allem die Städte im Westen und der Mitte des Landes zu sichern. Ausdrücklich sei man keine Friedenstruppe, die an der Front dafür sorge, dass ein ohnehin noch lange nicht ausgehandelter Waffenstillstand eingehalten werde. Doch die Entschlossenheit von Präsident Macron und Premierminister Starmer mit ihrer „Allianz der Willigen“ verunsichern den gesamten Kontinent. Denn möglicherweise ist es nur eine Frage der Zeit, dass auch Deutschland von diesem Virus der Konfrontation angesteckt wird. Schließlich wechselt der Bundeskanzler der Republik – und der insbesondere mit Blick auf eine allzu große Beteiligung unserer Nation an den Vorgängen im Osten mit Bedacht agierende Olaf Scholz dankt ab.
Von Friedrich Merz weiß man hingegen um seine Tüchtigkeit, die dem Geschick eines Elefanten im Porzellanladen gleicht. Und während Selenskyj wieder einmal darüber spekuliert, ob Putin aufgrund einer Erkrankung im Endstadium seines Lebens sei, fragt sich der hiesige Bürger, welche tatsächliche Motivation hinter all der Aufgeregtheit steckt, mit der man sich nun angeblich für einen etwaigen Angriff Moskaus auf NATO-Territorium wappnet. Da wird ein Manöver des Kremls in Belarus als Momentum genannt, das für eine Verwicklung des sogenannten Westens ausschlaggebend sein könnte. Aber weil niemand in den Kopf desjenigen schauen kann, der den Konflikt nicht ohne territoriale Zugeständnisse Kiews beenden wird, bleiben viele Mutmaßungen ohne jede Substanz. Es war ursprünglich ein Think Tank aus den USA, der Andeutungen ins Kraut schießen ließ, möglicherweise stünde die Kavallerie aus Sibirien bald vor Frankfurt an der Oder. Seither überschlägt man sich von Berlin über Paris bis London mit Warnungen und Aufrüstung, will man die Armeen hochfahren und die zivile Infrastruktur auf das Schlimmste fokussieren.
Nicht wenige Experten stimmen in diese Rhetorik ein, andere Fachleute haben den berechtigten Einwand, dass die Verluste für den herrschsüchtigen Despoten jenseits des Ural schon jetzt derart enorm sind, dass es strategisch und praktisch kaum möglich erscheint, eine weitere Front ungeahnten Ausmaßes zu eröffnen. Niemand kann wirklich prognostizieren, was möglicherweise 2030 geschieht. Doch die Glaskugel kann gleichzeitig auch nicht vorhersagen, wie dann die politischen Verhältnisse sein dürften. Insofern ist jegliches Beharren auf den Ernstfall vor allem dahingehend zu verstehen, dass nach der Pharmabranche während Corona und der Erneuerbaren-Industrie im Zuge der Transformation nun auch die Panzerschmieden mit Milliarden bedacht werden sollen. Neben diesen wirtschaftlichen Erwägungen dürften die einstigen Vorzeigedemokratien Gefallen gefunden zu haben an der Moralisierung ihrer Bürger, die sich von Schreckensszenarien eines Virus ebenso beeindrucken lassen wie von an die Wand gemalten Horrorbildern über Fluten und Dürren. Es liegt nun an unseren Gesellschaften, nicht erneut der Versuchung der Panik zu verfallen, sondern einer Mentalität im Geiste von Carl Sandburg: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!“.
Autor: Dennis Riehle